Spätestens seit dem am 5. Mai erschienenen RC ist Windows 7 in aller Munde und auch auf etlichen Rechnern. Doch hier und da haben Online-Magazine Windows 7 in den vergangenen Wochen per Benchmark gegen Vista antreten lassen und attestieren nur geringe Verbesserungen bei der Geschwindigkeit. Seine Kaufentscheidung sollte man davon allerdings auf keinen Fall abhängig machen – denn die Ergebnisse solcher Benchmark-Tests sind für Betriebssysteme im Allgemeinen und Windows 7 im Speziellen irrelevant.
Es scheint eine Art Windows-Tradition zu sein: Kommt ein neuer Ableger des Betriebssystems auf den Markt, heißt es nicht: “Was kann das Teil?”, sondern: “Was kann das Teil besser als der Vorgänger?”. Das ist natürlich gerechtfertigt, bekommt im Fall von Windows 7 aber eine ganz neue Dimension. Denn Vista gilt laut gefühltem Stimmungsbild als Totalausfall: inkompatibel, langsam, aufgebläht. Diese Situation führt dazu, dass Windows 7 nicht nur die Vista-Besitzer, sondern auch die alteingesessenen XP-Nutzer überzeugen muss.
Was liegt da näher, als im Microsoft-internen Vergleich Windows 7 gegen Vista antreten zu lassen? Ganz seriös mittels Benchmark, der die Leistung der Systeme beim Kopieren, Öffnen und Enkodieren misst. Zahlen sind objektiv, kann sich also keiner beschweren. Mache ich aber trotzdem, denn die Aussagekraft eines solchen Vergleichs liegt im nullstelligen Bereich. Vor das “Wieso?” sei hier noch schnell ein Zitat aus dem wohl meistbeachteten Benchmark-Test zu Windows 7 vs. Vista gestellt – von PCWorld. Das Online-Magazin misst einen nur geringen Zuwachs an Geschwindigkeit und schlussfolgert:
“One of the major complaints about Windows Vista was the fact that it was consistently slower than Windows XP. If Windows 7 doesn’t significantly improve that situation, it may fail to convince people to move away from Windows XP.”
Die Messergebnisse und das Fazit implizieren demnach Folgendes: Weil Windows 7 nicht signifikant schneller ist als Vista und Vista sowieso schon langsamer war als XP, lohnt der Wechsel nicht. Ich möchte hier mal ein paar Argumente liefern, warum diese Kausalkette ziemlich brüchig ist.
(1) Glaubwürdigkeit der Ergebnisse
Okay, man kann PCWorld nicht vorwerfen, dass sie sich mit dem verwendeten Benchmarking-Tool, Worldbench, nicht auskennen – immerhin haben die Kollegen es selber geschrieben. Aber man kann PCWorld vorwerfen, dass die Messergebnisse nicht glaubwürdig sind. Zum einen ist Worldbench offiziell nicht zu Windows 7 kompatibel. Kann man verschmerzen, denn es läuft ja unter Vista und der Kernel ist gleich geblieben blabla. Zum anderen nutzt Worldbench zum Erstellen der Benchmarks aber Software von Firefox über Photoshop bis Nero, um die Performance eines identisch ausgestatteten PCs mit Vista/Windows 7 zu ermitteln.
Da drängt sich eine Frage auf: Wie viele der für den Test verwendeten Programme sind bereits für Windows 7, ein nach wie vor in der Entwicklung befindliches Betriebssystem, optimiert worden? Genau, gar keins. Ein klarer Nachteil für den Testkandidaten Windows 7 – aber keiner, für den der Vista-Nachfolger etwas könnte.
(2) Performance vs. Usability Performance
Kein Geheimnis, aber ich schreibe es trotzdem mal: Die von Worldbench ermittelten Benchmark-Werte sagen aus, wie schnell ein Programm beziehungsweise ein Betriebssystem Aufträge abarbeiten kann. Also im Fall von Windows 7: Office starten, Zeit stoppen, bis zur Betriebsbereitschaft des Programms warten. Wer das schnell schafft, verfügt über Performance, keine Frage. Aber wie oft startet man ein Programm denn pro Tag? Höchstens eine Handvoll Aufrufe dürften da zusammen kommen. Dabei jeweils einige Sekunden länger warten zu müssen, erscheint also aushaltbar.
Anderes Szenario: Mal angenommen, die soeben gebenchte Software ist mittlerweile geöffnet. Genauso wie einige andere Anwendungen, der klassische Fall also bei einem Computer. Selbstverständlich wird zwischen den Programmen hin- und hergewechselt. Und mal angenommen, jedes Minimieren, Maximieren, Auswählen, Anklicken und Texten würde jetzt ein wenig langsamer vonstatten gehen als gewohnt. Wie oft macht man so etwas pro Tag? Permanent. Trödelt ein Betriebssystem hier rum, sorgt das definitiv für Frust. Usability Performance ist das Stichwort: Wie schnell reagiert das System auf meine Benutzereingaben, wie flott bekomme ich meine gewünschten Rückmeldungen?
Was hat das zu bedeuten? PCWorld hat dank Benchmark einen recht objektiven Performance-Test machen können. Die Ergebnisse sind jedoch in der Praxis unwichtig im Vergleich zu den – meist subjektiven und daher nur schwer messbaren – Eindrücken der Usability Performance. Und wie gut die einem gefällt, lässt sich nur anhand eigener Erfahrungen herausfinden. Im konkreten Fall heißt das also, Windows 7 zu installieren und Alltagssituationen nachzuspielen. Mein Eindruck nach nunmehr vier Monaten Dauereinsatz von Windows 7: Der Performance-Zuwachs ist in der Tat zu vernachlässigen. Die Usability Performance hingegen ist erstklassig. Sowohl im Vergleich zu Vista, als auch zu XP.
(3) Der Zahn der Zeit
Wichtiger als das Duell zwischen Vista und Windows 7 dürfte der Vergleich des neuen Microsoft-Betriebssystems mit XP sein. Denn hier werden Ende 2009 echte Kaufentscheidungen anstehen. Wer jetzt also im Internet rauf und runter liest, dass Windows 7 gegenüber seinem altbewährten XP keinen Geschwindigkeitsvorteil bietet, könnte auf einen Wechsel verzichten. Und da irgendwie kaum jemand das Argument der Usability Performance in die Betriebssystem-Vergleiche mit einbezieht, dürften das tatsächlich einige Nutzer tun.
Doch das wäre fatal. Denn machen wir uns nichts vor: Windows XP ist mittlerweile acht Jahre alt. Drei riesengroße Flicken namens Service Pack haben dafür gesorgt, dass das Betriebssystem einigermaßen mit den aktuellen Anforderungen Schritt halten kann. Doch auf dem Kern steht “made in 2001″. Jeder sollte sich einmal in die IT-Welt von 2001 zurückversetzen und überlegen, welche der heutzutage alltäglichen Errungenschaften es damals noch nicht gab. Sind so einige. Und für diesen ganzen Kram ist XP schlicht und ergreifend nicht gemacht worden. Wer in seinem Technikverständnis also normalerweise von Fortschrittsdenken geprägt ist und die Sicherheit nicht komplett in den Wind schießt, kann eigentlich nicht guten Gewissens das zweite neue Betriebssystem in Folge verweigern und darauf hoffen, dass Windows Update weiterhin alles richtet.
Mit Sicherheit werden spätestens dann weitere Benchmarks folgen, wenn die Veröffentlichung der finalen Version von Windows 7 näher rückt. Mit Sicherheit werden die Ergebnisse einen ähnlichen Tenor haben wie bei PCWorld – sei es aus Populismus oder aus Überzeugung. Und mit Sicherheit werden viele Zweifler sich aufgrund dessen gegen Windows 7 entscheiden. Zur Debatte steht hier nicht, ob Linux oder Mac OS die besseren Alternativen wären. Ich habe zudem die optischen Spielereien von Windows 7 außen vor gelassen. Aber wer ernsthaft über einen Wechsel nachdenkt, sollte sich die Zeit nehmen und Windows 7 einfach mal ausprobieren. Im Alltag. Mit eigenen Programmen. Eigenen Treibern. Eigener Peripherie. Und einer eigenen Meinung zu Usability Performance. Aber bitte, vegesst diese Benchmarks!


[...] Das Software, die unter Windows XP einwandfrei läuft unter einem neuen Windows Probleme machen kann, kannte ich schon von Windows Vista. Zuerst habe ich bekannten und unter PC-Spielern weit verbreiteten Steam-Client [...]
Mal als Test.